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GEMEINSAMES RECHTSSEMINAR
DER FUDAN-UNIVERSITÄT SHANGHAI UND DER UNIVERSITÄT KONSTANZ*

von Nico Ritz, Konstanz**

Das gemeinsame Rechtsseminar der beiden Universitäten wurde bereits zum dritten Mal durchgeführt. Die Erstauflage fand im Jahr 2005 auf Initiative zweier Konstanzer Studierender in Shanghai statt, die, fasziniert von den Eindrücken eines längeren Studienaufenthalts in der Stadt am Huangpu, eine Möglichkeit für ihre Kommilitonen schaffen wollten, das Land und seine Rechtsordnung kennen zu lernen. Es folgte ein zweites Seminar im Jahre 2006 in Konstanz, ehe vom 4. bis 16. Oktober 2008 erneut eine Gruppe Konstanzer Studierender und Professoren nach China reiste.

Die Teilnehmer des dritten Rechtsseminars der Universität Konstanz und der Fuden-Universität in Shanghai.
Foto: Ritz

Die Vorbereitung begann schon deutlich vor dem Abflug in München: Auf deutscher Seite übernahmen Frau Prof. Astrid Stadler (Zivil- und Zivilprozessrecht), Herr Prof. Jochen Glöckner (Kartellrecht), Herr Prof. Kai Hailbronner (Migration) und Herr Prof. Rudolf Rengier (Umweltstrafrecht) die fachliche Betreuung des Seminars. Die Auswahl der Themen erfolgte in Absprache mit den Kollegen der Fudan-Universität und war davon geleitet, Fragen aufzugreifen, die insbesondere in China aufgrund neuer gesetzlicher Regelungen aktuell sind und dort auch rechtsvergleichend diskutiert werden (etwa im Sachen- und Kartellrecht sowie im Zivilprozessrecht). Jeweils drei Studierende arbeiteten Referate zu den vier Themenkomplexen aus, deren schriftliche Version bereits im Vorfeld der Reise in englischer Sprache fertig gestellt und online veröffentlicht wurde. Dies ermöglichte allen Teilnehmern, sich vorab mit den einzelnen Themen auseinanderzusetzen. Die Themen zum Bereich Migration betrafen vor allem Fragen der internationalen Mobilität von Studierenden und Wissenschaftlern und waren für alle Beteiligten von unmittelbarem Interesse, nicht zuletzt deshalb, weil im olympischen Jahr die Visumspraxis deutlich restriktiver gehandhabt wurde, als zuvor. Ausserdem besuchten die studentischen Teilnehmer aus Konstanz vor der Abreise ein eintägiges Vorbereitungsseminar in Konstanz, das erste interkulturelle Einblicke sowie eine kleine Einführung in die chinesische Sprache gab und auch ein gemeinsames Abendessen beinhaltete, um die "Stäbchen-Technik" zu erlernen.
In Shanghai angekommen begann das offizielle Programm am Tag nach der Ankunft mit einer Begrüssung durch den Dekan der Fudan-Universität und der Besichtigung des neu erbauten Campus der Law School. Alle beeindruckte das neue Gelände der Universität, auf dem bisher nur die rechtswissenschaftliche Fakultät in grosszügigen, an alte Pracht erinnernden Bauten untergebracht ist.
An den Folgetagen standen die Referate der chinesischen und deutschen Studierenden im Vordergrund. Die einzelnen Themenblöcke wurden von den betreuenden Professoren moderiert. Den jeweils etwa 20-minütigen Vorträgen schlossen sich grösstenteils lebhaft geführte Diskussionen an. Beim gemeinsamen Mittagessen mit den chinesischen Teilnehmern in der Mensa des neuen Campus bestand an allen drei Tagen Gelegenheit zur Fortsetzung der Gespräche. Auch ausserhalb des Seminarprogramms boten sich vielfältige Eindrücke: So hatten die Konstanzer Studierenden auf Einladung eines Teilnehmers der beiden vorangegangenen Seminar, Herrn She Yifeng, der inzwischen als Anwalt in einer führenden chinesischen Anwaltskanzlei (Fangda Partners) in Shanghai tätig ist, die Möglichkeit die Kanzlei zu besuchen und sich ausführlich über deren Arbeit zu informieren. Der DAAD-Beauftragte für das CDHK und Konstanzer Altrektor Prof. Dr. Dr. Horst Sund lud die Gruppe ein, das Chinesisch-Deutsche Hochschulkolleg (CDHK) an der Tongji Universität zu besuchen und bei einem gemeinsamen Abendessen die mongolische Kochkunst zu erfahren.
Zum Abschluss des Seminarprogramms fand ein wissenschaftliches Symposion mit den deutschen Professoren und insgesamt sechs Wissenschaftlern der Fudan-Univer­sität statt. Im fachlichen Rahmen der Seminarthemen wurden von chinesischer Seite Vorträge gehalten und anschliessend gemeinsam diskutiert. Dies bot Gelegenheit im kleineren Kreise durchaus brisante Themen, wie etwa die Reform des chinesischen Strafprozesses und Fragen der Menschenrechtskonvention, zu besprechen. Danach starteten alle Studierenden und Professoren in chinesischer Begleitung auf Einladung der Fudan-Universität zu einem eineinhalb tägigen Ausflug nach Tongli (einem alten Wasserdorf vor den Toren von Suzhou) und Hangzhou, einer Millionenstadt, die am berühmten Westsee ("Paradies auf Erden") und nahe der ebenso berühmten buddhistischen Tempelanlage Lingyin Si liegt. Die Besichtigung der Tempelanlage unter Führung von Prof. Bai bot für alle äusserst interessante Einblicke in die chinesische Kultur und das religiöse Erbe des Buddhismus.
Komplettiert wurde die Reise durch einen viertägigen Aufenthalt in Peking. Dort stand neben dem Besuch der Deutschen Botschaft und einer Aufführung einer Peking-Oper, eine ausführliche Campus-Führung durch chinesische Germanistikstudierende an der Peking-Universität (Beida) auf dem Programm. Bei Gesprächen mit dem Dekan und Fachkollegen der Pekinger rechtswissenschaftlichen Fakultät wurde ein grosses Interesse sichtbar, nähere Kontakte zum Fachbereich Rechtswissenschaft der Universität Konstanz zu knüpfen. Beide Universitäten werden in unmittelbarer Zukunft Masterkurse für ausländische Studierende anbieten und sind insoweit auch an einem Austausch von Wissenschaftlern sehr interessiert.
Unvergesslich war die Tour zu und auf der Grossen Mauer bei Simatai, die von Professor Xiansong Sun von der Chinesischen Akademie für Sozialwissenschaften in Peking organisiert und begleitet wurde. Daneben blieb noch etwas Zeit für die Hauptsehenswürdigkeiten von Peking.
Die Reihe der gemeinsamen Seminare soll aufgrund des grossen Interesses beiderseits fortgesetzt werden: Ende Juli 2009 wird eine Gruppe Chinesischer Professoren und Studierender nach Konstanz reisen, um gemeinsam mit ihren hiesigen Kolleginnen und Kollegen aktuelle Rechtsfragen zu diskutieren und den Gedanken des wechselseitigen Austauschs weiter mit Leben zu füllen.


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Das Rechtsseminar wurde u.a. durch Fördermittel der Baden-Württembergischen China-Gesellschaft ermöglicht.
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Fachbereich Rechtswissenschaft der Universität Konstanz